Acatenango vs. San Pedro

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Schade, dass die Zeit in Santa Ana in El Salvador nur so kurz ausfiel. Ich hätte gerne mehr Zeit in die neu gewonnenen Freundschaften investiert aber ich freute mich auch sehr auf Claudio und darauf, mit ihm gemeinsam die Reise fortzuführen. Am letzten Tag in Santa Ana gingen Bruno, Eduardo und ich noch Burritos essen und Eduardo überreichte mir ein Pfund feinsten Kaffees aus seiner eigenen Plantage. Nach herzlicher Verabschiedung von den beiden und auch Ferhat, der mich zwei Wochen lang auf meiner Reise begleitet hatte, nahm ich den nächsten Chickenbus an die Grenze zu Guatemala. Auch hier das übliche Panorama: überall Händler, Märkte, Chaos, Müll soweit das Auge reicht und mittendrin mein getunter metallicgrün-lackierter Chickenracingbus, der nach jedem geschalteten Gang eine dicke fette schwarze Wolke feinstem Kohlenmonoxids in die Luft ausstieß. Oft genug denke ich mir hier: Wie kann das sein, dass wir in Europa so viel für den Umweltschutz tun und die Mehrheit der Menschen in Lateinamerika einfach einen Furz auf Umweltschutz gibt und aus dem Auto alles mögliche an nicht abbaubaren Müll in die Straßengräben werfen und das Durchatmen in Städten zum Ausnahmefall wird. Durch meinem Kopf schossen viele Ideen, wie man Lateinamerika vom Müll befreien könnte, aber dies würde alles nichts bringen, da hier die Menschen erst verstehen müssten, dass Müllberge an Straßen, Chemiekloaken in Seen oder Plastiktüten im Meer weder gut für Mensch noch Umwelt sind. Ab und zu könnte man meinen, dass in Lateinamerika Plastiktüten auf Bäumen wachsen…

Die Dörfer am Atitlansee machen es vor. Um den See zu schützen sind Plastiktüten verboten und man merkt den Sauberkeitsunterschied zu anderen Orten deutlich! Ich bin generell für den Verbot von sämtlichen Plastiktüten auf unserem Planeten!

An der Grenze zu Guatemala schafften es sehr geschickte und sehr lange Finger mein Billighandy aus meinem Rucksack zu stehlen und machten mir das Ankommen in Guatemala Stadt besonders schwer. Ohne Stadtplan, ohne die Adresse vom Hostel und ohne zu wissen wo genau mich der Bus aussteigen lassen würde, ging die Busfahrt in die Stadt los. Das einzige was ich wusste war, dass von dort aus wo der Bus halten sollte, es ungefähr 20 Minuten zum Hostel sind und dass das Hostel in der Zona 4 liegt. Guatemala Stadt ist in 18 Zonen eingeteilt wovon dreiviertel als sehr gefährlich gelten. Zona dieziocho (18) gilt als psychopathischste und von blutigen Bandenkriegen geprägte Zona.

Kaum aus dem Bus, fragte ich einen Polizeibeamten ob er mir die Adresse vom Hostel herausfinden könnte. Über Funk erhielt er die Antwort, dass sich das Hostel in der Avenida 5 Ruta 7 befindet. Leider hat er hier einen Fehler gemacht, denn wie sich am Ende herausstellte befindet sich das Hostel in der Avenida 7 Ruta 5. Dieser Fehler des Beamten führte dazu, dass ich in den Genuss des abgefu***esten Viertels Guatemalas kam. Die Avenida 5 ist voll von Obdachlosen, Drogensüchtigen, Prostituierten, verdreckten Straßenstrichen, halbtoten Hunden und an jeder Ecke standen Männer, die irgendwelche schmutzigen Drogen dealten. Es war zu einem Teil traurig und zum andern Teil widerwärtig das Treiben dieser Straße erleben zu müssen. Wenn mein Hostel wirklich hier wäre, hätte ich mir ein Taxi zum „Vier Jahreszeiten“ gerufen. An einer Tienda entdeckte ich dann zwei Polizeibeamten und fragte sie, ob sie mal auf ihrem Smartphone auf der Karte den Standort des Hostels „Tequila Sunrise“ finden könnten. Hier durfte ich erneut darüber schmunzeln, dass auch das einfachste englische Wort aller größte Probleme verursachen kann (viele Latinos haben einfach keine Fremdsprachenbegabung). „Tequila“ wurde noch verstanden, aber bei „Sunrise“ verzweifelten die Beamten vollends schon beim Nachsprechen. „Sungwa“ war der beste Versuch. Letztendlich bediente ich mich des Geräts und merkte mir den Weg. Nach zwei Stunden anstatt 20 Minuten fand ich das Hostel in einer wirklich guten uns sicheren Gegend. Am Abend ging ich mit Pfefferspray und Taschenmesser bewaffnet zum Flughafen um Claudio abzuholen. In Guatemala Stadt kann man schließlich nie wissen…

Erste Station von Claudio und mir war La Antigua Guatemala, die ehemalige Hauptstadt Guatemalas, die allerdings 1773 durch ein schweres Erdbeben komplett zerstört wurde. Zahlreiche Ruinen erinnern an die vielen Naturkatastrophen, die Antigua erleiden musste. Die Stadt ist nicht umsonst UNESCO Weltkulturerbe. Es ist wohl die prächtigste Kolonialstadt Mittelamerikas! Die entspannte Atmosphäre hier steht im krassen Gegensatz zu Guatemala Stadt, in der sich ab 19 Uhr niemand mehr auf die Straßen traut.

Antigua liegt am Fuße des Acatenango, einem fasst 4.000 Meter hohen Vulkan. Direkt daneben befindet sich der sehr aktive Vulkan „El Fuego“. El Fuego war erst vor einer Woche heftig ausgebrochen und wir hofften bei der Besteigung des Acatenango auf ein Lavaspektakel. Am Morgen des 09.02.2018 starte die zweitägige Tour mit zwei Galonen Trinkwasser, Winterjacken, Macheten und jeder Menge Snacks. Nach sechs Stunden harten Aufstiegs erreichten wir das Basislager auf 3.700 Meter und bezogen unsere Zelte pünktlich vor dem farbenprächtigen Sonnenuntergang. Nach gutem Abendessen, bestehend aus Reis, Bohnen, Kartoffeln und Tortillas, welch Abwechslung zu den sonst jeden Tag üblichen Reis, Bohnen, Kartoffeln und Tortillas, genossen wir den Sonnenuntergang und schon nach kurzer Zeit wurde es bitterkalt auf dem Vulkan und die Feuerstelle war Zentrum aller Begegnungen zwischen allen Tourteilnehmern. Plötzlich schrie jemand „Fuego!!!“ und tatsächlich sah man wie El Fuego seine Macht ein wenig zur Schau stellte und Lava aus seinem Krater schoss. Un 4:30 Uhr vollendeten wir die letzten 300 Höhenmeter um pünktlich um 6:15 Uhr den Sonnenaufgang zu sehen. Wirklich Atemberaubend!

Der Rückweg war eine Mischung aus auf Vulkansand surfen und über Baumwurzeln stolpern aber all die Anstrengungen waren es wert! Als wir noch oben beim Basislager die Rucksäcke packten, erschütterte plötzlich die Erde, man hörte Steine und Felsbrocken durch die Luft fliegen und El Fuego verabschiedete sich, seine Explosionskraft demonstrierend.

Obwohl Antigua eine Touristenhochburg ist, lässt es sich hier erstaunlich günstig leben. Hostels für 6,50€ und 2,50€ für ein gutes Abendessen überraschten uns positiv. Nach dem Acatenango folgte die Besteigung des San Pedro (3022 Meter) am Atitlansee. Der Atitlansee war seiner Zeit selbst der Krater eines riesigen Vulkans dessen Gesteine sogar Panama erreichten. Vor ca. 85.000 Jahren bildeten sich dann im See drei weitere Vulkane, wovon einer der Volcán San Pedro ist. Mit dem Taxiboot erreichten wir das Dorf San Pedro La Laguna und stellten fest in einem ziemlichen Aussteigerdorf für Hippies aller Art gelandet zu sein. Healthy Food, Piercing-, Armband- und Ohringartisanen an jeder Straße, genauso wie der nicht enden wollende Mariuanageruch. San Marcos, ein Dorf an der gegenüberliegenden Seeseite ist noch krasser. Direkt am Bootsteg informiert eine riesige Wandtafel über die wöchentlichen Joga Veranstaltungen und alternativen Aktivitäten. Gestern gab es ein nüchternes Speeddating bei dem man also nur ohne Einfluss von Drogen mitmachen darf. Ich war leider einen Tag zu spät im Ort!

Absolutes Highlight im Ort San Pedro La Laguna war ein Schild im WC unseres Eco Hostels: Is it yellow let it mellow, is it brown flush it down.

Die Besteigung des 3022 Meter hohen San Pedro erwies sich als ebenbürtige Anstrengung im Vergleich zum Acatenango. Da wir diesmal unsere eigenen Zelte hochschleppten, hatten unsere Rucksäcke deutlich mehr Gewicht. Durch Kaffeeplantagen und Avocadobäumen hindurch eröffnete sich uns eine herrliche Aussicht auf den Atitlansee. An einer Schutzhütte (2800m) trafen wir auf eine Gruppe Maya, die hier von ihrer Kirche aus eine Freizeit gestalteten. Wir wurden eingeladen später am Abend zu geminsamen Gebet und Lobpreis zu kommen und sagten gerne zu.

Am Gipfel des San Pedro schlugen Claudio und ich dann unsere Zelte an einer guten Stelle auf. Man stellt sich das immer so romantisch vor: Zelten auf einem Vulkan mit wunderschönem Sonnenaufgang. Die Realität sah anders aus: der Gipfel lag die ganze Nacht eingehüllt in einer Wolke. Zusätzlich hat es diese Nacht gestürmt was bedeutet, dass es unglaublich nass und feucht war und der Wind so stark war, dass ich bei jeder Böe um mein Decathlonzelt zitterte. Und gezittert haben wir sowieso schon vor Kälte. Außerdem War kein Feuer wegen der Feuchtigkeit möglich. Wir stiegen herab zu den Maya und machten unsere Bohnen und Tortillas an ihrem Feuer warm. Währenddessen stimmten die Maya einige Lieder an und sangen mit so einer Leidenschaft und Freude Hymnen zu Gott und bald darauf verwandelte sich alles rund um die Feuerstelle in ein großes Gebetshaus. Wir durften nach dieser wunderschönen Zeit in Gottes Gegenwart uns gegenseitig kennenlernen. Es sind sehr einfache, arme Menschen, die täglich auf dem Markt ihre paar Pesos verdienen um ihre Familie mit dem nötigsten zu erhalten. Ich habe mit vielen Reisenden Gespräche über Gott und das Leid in dieser Welt geführt. Eine Soziologiestudentin fragte, warum Gott Familien und Kindern in Lateinamerika nicht in ihrer Not helfen würde. Meine Antwort ist: Diese Menschen haben eine Quelle von der sie Kraft und Versorgung schöpfen. Jeden Tag machen sie sich abhängig von Gott und erfahren Wunder über Wunder. Ein geregeltes Einkommen, eine Krankenversicherung oder sogar die Rente gibt es nur in der ersten Welt. Das Leben in Deutschland ist eine absolute Ausnahme im Vergleich zu dem großen Rest der Welt. Gott ist real, Jesus lebt und vielleicht lebt er lebendiger im Leben von Menschen die nichts haben außer ihren himmlichen Vater. Viele Christen, die tagtäglich ihr Überleben sichern müssen haben eine andere Hoffnung als irgendwann reich und im Alter abgesichert zu sein. Ihre Hoffnung ist das Versprechen, das Jesus der Menschheit gibt: „Siehe ich mach alles neu“. Ich bin so froh über diese Begegnung mit den Maya und ihren Lebensgeschichten, von der ich viel lernen konnte.

Morgen früh geht’s es Richtung Honduras. Gerüchte von geschlossenen Grenzübergängen machen die Runde. Mal sehen ob die Grenzen wirklich zu sind…


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