Abgetaucht

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Es gibt drei Arten von Reisenden in Zentralamerika. Es gibt welche, die nur mit superbequemen, klimatisierten, privaten Minibussen, Vorort auch Shuttles genannt, von einer Sehenswürdigkeit in die Nächste gebracht werden. Als Sehenswürdigkeit werden dann die von Touris am häufigsten angesteuerten Orte aufgelistet und happige Preise generell in US Dollar verlangt. Reisende die sich diese bequemste aller Fortbewegungsmittel in Zentralamerika gönnen, tun dies aus vielerlei Gründen. Einige haben Sicherheitsbedenken, wollen nicht auf Risiko gehen oder haben Angst um ihr iPhone. Andere sprechen kein Spanisch und wählen diese Art der Fortbewegung, da man, um in US Dollar zu bezahlen, des spanischen nicht mächtig sein muss oder sie kennen sich Vorort nicht aus und wurden vom wunderbar netten Shuttlepromoter dezent verarscht, mit der Behauptung: „No hay buses“ (es gibt keine Busse), was eine absolute Lüge ist. Es fahren immer und überall Busse, schließlich muss die arme Bevölkerung irgendwie vom Arbeitsplatz nach Hause kommen. Meistens ist die Haltestelle sogar nur ein paar Meter weiter als die Shuttles.

Die zweite Art Reisender, abfällig auch Backpacker genannt, kombiniert Shuttles und Chickenbusse. Das ist clever, denn bei kurzen Distanzen spart man viel Geld und bei langen Strecken, friert man bequem im Sessel des Shuttles sitzend, bei 35 Grad Außentemperatur und entgeht dem lästigen Umsteigen in zwiespältigen Busbahnhöfen irgendwelcher Provinzhauptstädte.

Die dritte Art Reisender mag es auf die harte Tour! Von Abendteuerlust angetrieben und so billig wie möglich, schlägt sich diese Art durch die Länder ohne Rücksicht auf Verluste. Hitchhiken oder Chickenbusfahren, selbst mehrstündige oder mehrtägige Reisen werden in Kauf genommen um ein paar Dollars zu sparen. Naja, man spart meistens fast 80% ggü. Shuttles; das ist dann schon gerne mal der Gegenwert von 6 Übernachtungen oder 20 Mahlzeiten. Dazu kommt der kulturelle Mehrwert, der einfach unbezahlbar ist und das ein oder andere Abenteuer schließt sich auch noch mit ein.

Ich zähle mich selbst zur dritten Art und so verlief unsere Reise nach Honduras:

Am Morgen des 14.02. liefen wir um 6:30 zum Bootsanlegeplatz in San Pedro am Ufer des Atitlansees. Es war ein kühler Morgen und man hatte das Gefühl die Sonne wurde heute gezwungen aufzugehen, da sie lieblos ihre Strahlen durch die Wolken schickte und nichts von ihrer Wärme in San Pedro ankam. Pünktlich bei unserer Ankunft legte auch das Boot an, dass weiter nach Panajachel fährt, die erste Station unserer Reise nach Honduras. Wir freuten uns auch sehr, dass wir unsere Rucksäcke nicht auf das Dach legen mussten (bei der Hinfahrt hatte ich tierische Angst um meinen Rucksack, da er völlig ungesichert auf dem Dach eines wackeligen, kleinen Bootes lag und die Wellen nicht klein waren), und einen Sitzplatz ganz vorne bekamen. Die andere Reisegesellschaft befand sich eher im hinteren Teil des Bootes. Cool, dachten wir, denn von vorne sieht das Panorama des Sees mit seinen drei Vulkanen am überwältigsten aus. Nach schon einer Minute Bootsfahrt verstanden wir, warum wir unsere Rucksäcke ins Boot nehmen durften und warum alle sich nach hinten quetschten. Bei jeder Welle hatte man das Gefühl, das Boot würde zerbrechen, so stark war der Aufprall auf die Wellen. Darüber hinaus schickten die Wellen eine Erfrischung in Form von eiskalten Wassermassen vorne ins Boot. Jetzt garantiert hellwach kam von hinten eine Plastikplane nach vorne durch und wir verbrachten die restlichen 30 Min. unter der Plane kauernd und bei jedem Schlag auf die Wellen darüber besorgt, dass die letzte Stunde des Bootes geschlagen haben könnte. Erleichtert noch am Leben zu sein begaben wir uns an die Hauptstraße, um auf den Bus nach Guatemala City zu warten. Auf dem Weg dorthin ereignete sich eine schon erwähnte Situation: wir laufen zur Hauptstraße und hinter uns ruft ein Typ: „Shuttle to Antigua“. No gracias, rufen wir und erhalten darauf: „No hay buses“. Mein Blick sagte ihm: Lügner!, und 50m weiter standen wir bei einer Haltestelle und eine freundliche Dame meinte der Bus käme in 20 min.

Claudio nutzte die Zeit gerade noch so um Frühstück zu besorgen, denn nach schon 5 statt 20 Minuten saßen wir im Chickenracingbus nach Guatemala City. Diesmal hatte der Busfahrer so richtig Bock und drückte das Pedal mit vollster Kraft durch und veringerte den Diesel im Tank überproportional, der in Form von giftigen Emissionswolken den Bus verließ. Wenn eine Kurve nicht quischend genommen wurde waren wir schon fast enttäuscht, schließlich ist in Guatemala der Adrenalinkick immer im Fahrpreis inklusive. Andere zahlen 50€ für einen Freizeitpark, wir bezahlten 30 Cent für einen Beinahetod durch Adrenalin.

In Guatemala entschieden wir uns spontan über El Salvador nach Honduras zu reisen und wechselten dementsprechend die Chickenbusse. Claudio war beeindruckt wie ich uns durch die halbe Stadt zum richtigen Bus führte aber das lag daran, da ich vor zwei Wochen mit Ferhat die gleiche Route hatte und dieses komplizierte ‚den-richtigen-Bus‘ suchen damals, mir es unmöglich machte den Bus nicht mehr zu finden (haben an die 100 Leute gefragt, die halbe Stadt durchquert und dann am südlichen Ende der Stadt die Haltestelle des Busses an die Landesgrenze gefunden). Wie gesagt, es fahren immer und überall Busse. Es folgte eigentlich das gleiche Szenario wie bei Ferhat und mir: Mit dem Chickenbus an die Grenze, dann mit dem Bus weiter bis zur Kreuzung La Nueva, vom Bus abgesprungen und die nächsten 15km gehitchhiked, bis zum Ort an dem ich vor 14 Tagen schon rausgelassen wurde. Im Bus habe ich mir von Juan ein Handy geliehen und unsere Ankunft bei der freundlichen Familie, die uns damals vor dem im-Wald-zelten bewahrt hatte, angekündigt. Der Ort ist ziemlich abgelegen und von der Hauptstraße noch ca. 6km auf einer Schotterpiste an dem Strand Playa Barra Salada gelegen. Die Männer die uns mit ihrem Pick-Up mitgenommen hatten brachten uns sogar bis an das Tor.

Wir wurden unglaublich herzlich empfangen und ich hörte heraus, dass es Wetten gab, ob ich wirklich zurückkehren würde, da ich der Familie damals verprochen hatte diesen wunderschönen Ort mit Claudio ein zweites Mal zu besuchen!

Wir blieben drei volle Tage bei den Fischern im Ort und großes Highlight war es mit dem Boot hinauszufahren um Wale zu sehen. Leider kamen wir nicht bis zu den Walen, da ich den kleinen Rest meines Mageninhalts an die Fische verfüttern musste. Am Morgen zuvor hatte uns Filipa stolz eine grüne Kokosnuss zum Trinken gegeben und meine Kokosnuss, die wohl nicht mehr gut war, ließ mich schon direkt nach dem Mittagessen den frisch frittierten Fisch wieder hochholen. Am Abend dachte ich es ginge wieder und stieg aufs Boot. Insgesamt verdanke ich der Kokosnuss zwei Tage kein Essen und zwei Tage nichts anderes tun, als auf einer Hängematte am Strand zu chillen. Generell hab ich den Verdacht, mein Magen wollte sich für das in den letzten vier Wochen fast ausschließlich konsumierte Streetfood rächen. Habe mir jetzt vorgenommen bei Essen nicht mehr zu sparen.

Am dritten Tag beruhigte sich meine Magenflora wieder und ich wurde mit wunderbar frischer Gemüsesuppe verwöhnt. Währenddessen chillte Claudio genauso hart wie ich und war etwas genervt, weil er seinen 860 Seiten Thriller fast durchgelesen hatte und sonst nichts mehr zu lesen hat. Es gibt wahrlich schlimmere Orte um Krank zu sein.

Am letzten Abend verabschiedeten wir den Vater der Familie, der mit fünf anderen Burschen mit zwei Booten zum Fischen hinausfuhr. 6 Tage die Woche wird die ganze Nacht durch gefischt von 18 bis 7 Uhr morgens. Die Fischer erhalten dann 70 Dollar Erlös pro Person für diesen knochenharten Einsatz.

Im El Salvador ist leider so, dass jede Familie mindestens ein Familienmitglied in den USA hat. Filipa wartet schon fast seit 9 Jahren auf ihren Mann, der in den USA illegal arbeitet. Die insgesamt 2 Millionen in den USA lebenden Salvadoreños verschicken jährlich 3 Mrd. US Dollar an Familienangehörige (das sind 20% des BIP und eine wichtige Säule in der Wirtschaft). Wir trafen jeden Tag viele Menschen die in den USA gearbeitet hatten oder Menschen, deren größter Wunsch es ist dorthin zu gelangen. Diego, Filipas Sohn, meinte es scheint ihm als sei es heute leichter als je zu vor illegal in sie USA zu gelangen. Es gibt aber auch viele, denen das Leben in den USA nicht gefällt und die freiwillig entschieden zurückzukehren. Arbeit und Geld ist schließlich nicht alles im Leben.

Nach einem wirklich schönen zweiten Mal in El Salvador nahmen wir diesmal einen großen Reisebus von San Salvador nach San Pedro Sula in Honduras, von dort ging es direkt nach weiter nach la Ceiba und am nächstem Tag mit der ersten Fähre auf die karibische Insel Útila. Busfahren in Zentralamerika, sei es Chickenracingbus oder Reisebus ist immer auch sehr kulinarisch. Alle paar Minuten steigen Verkäufer ein, bieten alles mögliche an Essen an und das noch zu völlig vernünftigen Preisen. Als wir in Guatemala nach langem Busfahren Hunger bekamen stieg in der nächsten Stadt schon eine Dame ein und verkaufte Tacos, Hühnchen, Früchte, Getränke, etc. Vom Atitlansee bis Útila waren wir für eine Woche die einzigen Weißen und konnten so richtig in die Kultur abtauchen.

Tauchen waren wir auch auf Útila: In Deutschland reservierte ich schon im Vorfeld in der Tauchschule Paradise Divers, die fast ausschließlich von einheimischen Anleitern betrieben wird. Dort machten wir unseren PADI Open Water Diving Pass. Ich muss ehrlich sagen, dass ich mir das Tauchen leichter vorgestellt hatte. Die ersten Meter sind für jemanden der noch nie vorher getaucht hat ziemlich herausfordernd. Für mich, als vollkommene Landratte, der schon im Flugzeug mit dem Druck nicht klarkommt und im Leben maximal 2 Meter tief getaucht ist, war es besonders hart. Ich glaub ich konnte die ersten 2 Tage gar nicht genießen und erst die letzten zwei Tauchgänge und die anschließenden Fundives waren ziemlich spaßig! Nach fast jedem Tauchgänge kam ich mit blutender Nase und dichten Ohren hochgetaucht. Schlimm ist das nicht, aber es gibt angenehmeres. Am letzten Tag sind wir dann auf die nördliche Seite der Insel zum tauchen gefahren zu einem wunderschönem Riff mit einer steilen Wand, die ca. 100m tief abfällt. Das Gefühl durch das Wasser zu schweben ist unbeschreiblich. Überall sieht man bunte Korallen, bunte Fische, Schildkröten und man könnte meinen hier sei die Welt noch in Ordnung.

36 m Tiefe waren das Maximum an diesem Tag und unterwegs ging mir noch mein Sauerstofftank leer. So wurde die Notfallübung vom confined water diving direkt zum Ernstfall im tiefen Gewässer. Jeder Taucher hat immer zwei Atemschläuche am Tank wovon eines immer für den Notfall ist.

Útila ist eine wunderschöne Insel auf der wir uns sehr wohl gefühlt haben. Nichtsdestotrotz verzichten wir auf einen Entspannungstag auf der Insel und fahren nach San Pedro Sula um einige Museen zu besuchen bevor es zu Paula nach Nicaragua geht. Heute haben wir uns nach dem Tauchen von der Mittagssonne einen kräftigen Sonnenbrand geholt und erstmal genug Sonne getankt.


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