¡Ey Chele!

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San Pedro Sula war bis 2015 noch die gewalttätigste Stadt der Welt außerhalb eines Kriegsgebiets, mit einer Mordrate von 112 pro 100.000 Einwohner. Immer im Wechsel mit San Salvador wurde der negativste aller Titel schließlich an Caracas in Venezuela weitergegeben. Trotz all negativer Reputation bleibt San Pedro Sula mit seinen knapp 1 Millionen Einwohnern die wichtigste Stadt Honduras und erwirtschaftet knapp zwei Drittel des Bruttoinlandprodukts. Durch die blutigen Auseinandersetzungen rivalisierender Gangsterbanden ist San Pedro Sula somit eines der unattraktivsten Ziele im Land und gerade jetzt, in Zeiten politischer Unstabilität im Land eine Hochburg des Protests gegen den korrupten Präsidenten Hernández, dem u.A. Wahlbetrug vorgeworfen wird. Insgesamt starben seit November 2017 bei Protesten 40 Menschen und kurz vor unserer Ankunft in der Stadt gab es wieder Demonstrationen mit Toten. Wir erreichten die Stadt nach Útila, einer traumhaften karibischen Insel, auf der wir unseren Tauchschein machten.

Bevor wir Ùtila verließen, suchten Claudio und ich mit einem Schweizer, den wir kurz vor der Insel kennengelernt hatten, nach alternativen Wegen von der Insel. Dieses Jahr wurde der einzige Konkurrent der Ùtila Dream, eine ziemlich überteuerte Fährgesellschaft, von ebendieser aufgekauft. Dadurch stiegen die Preise für eine Überfahrt von 99 Lempiras auf 575 Lempiras. No more words needed…
Nach einer Woche auf der Insel legten auch einige kleine, rostige Frachtschiffe an und wir versuchten unser Glück. Am Ende ging es dann doch mit Ùtila Dream wieder aufs Festland zurück, und damit investierten wir jeweils wieder 25 Dollar in dieses Unternehmen.

Wir kamen Mittags in der Stadt an und die Stimmung lässt sich am besten am Taxifahrer beschreiben, der uns zum Hostel brachte: Kaum eingestiegen, schaffte es der Fahrer, ein älterer Herr, die komplette Fahrt seine Abneigung gegenüber Politikern im Land zum Ausdruck zu bringen. San Pedro Sula überraschte mich sehr, denn es war still in der Stadt. Fast schon zu still und wir reden hier von einer Millionenstadt in Mittelamerika wo normalerweise der durchschnittliche Dezibelpegel bei 200 liegt. Ich war auch kurzzeitig verwirrt, denn nach dem Tauchen war ich drei Tage lang auf beiden Ohren fast taub. Das Internet stellte mir und Claudio die Diagnose eines Mittelohrtraumas; das Tauchen hat uns Landratten ordentlich die Ohren durchgedrückt. Jede Konversation mit Menschen war mir in dieser Zeit mindestens so unangenehm wie das 5 tägige Nicht-Duschen im Regenwald in Mexico vor einigen Wochen. Ich verstand einfach nichts und bat teilweise, dass man mich anschrie. Total verwirrt, ob ich jetzt endgültig taub sei, lief ich durch die Straßen von San Pedro Sula auf den Weg ins Zentrum um einige Besorgungen zu machen. In der Stadt selbst, die sehr amerikanisiert ist, spürte ich die Anspannung sehr. Die sonstige Fröhlichkeit der Menschen war nicht da, Geschäfte wurden schnell erledigt und ab 19 Uhr waren die Straßen wie leer gefegt.

Immer noch auf beiden Ohren taub, begaben wir uns um 4 Uhr morgens zum zentralen Busbahnhof um mit einem Reisebus nach Nicaragua zu fahren. Am Busbahnhof erwarteten uns erstmal mehrere schwerbewaffnete Soldaten mit anderthalb Meter langen Maschinengewehren. Mittlerweile bin ich bewaffnete Männer gewöhnt und allein in El Salvador gibt es 13.000 Soldaten und 17.000 Polizisten aber fast 75.000 bewaffnete private Sicherheitsleute, die Geschäfte, Banken, Apotheken und etc. bewachen. In Honduras sieht es nicht anders aus und Sicherheit wird leider nur durch Waffen sichergestellt.

Nach einer 12 stündigen Fahrt im sehr angenehmen Ticabus, die jedoch umbedingt die Toiletten im Bus verbessern sollten, (man konnte nur klein und da wir jeden Tag dreimal Reis mit Bohnen essen, muss man nach 12 Stunden Busfahrt nicht nur klein), erreichten wir am Nachmittag die wunderschöne Kolonialstadt León im Nordwesten Nicaraguas. Egal was man auch hört und was die Leute sagen: León ist schöner als Granada! Dies ist nämlich das ewige Streitthema dieser beiden Städte. Als es vor vielen Jahren um die Wahl der Hauptstadt Nicaraguas ging, eskalierte der Streit so sehr, dass einfach eine neue Stadt für diese Aufgabe gegründet wurde: Managua – eine ultra-chaotische Stadt, ohne wirkliche Straßennamen. In Nicaragua sind die Wegbeschreibungen sowieso eine komplizierte Angelegenheit. Paula, eine Freundin von Claudio und mir, sagt dem Taxifahrer in ihrer Stadt immer um Nachhause zu kommen: „de las cuarto esquinas una y media cuadra al sur“ (von der vierten Straßenecke eineinhalb Blocks Richtung Süden). So kompliziert es scheint, das Taxi kommt an und das ist das wichtigste. In León merkten wir auch wie unglaublich günstig Nicaragua ist. Unser Hostel im Zentrum der Stadt kostete 4,20€ mit Frühstück und es war nicht das günstigste.

An einem Abend saßen Claudio und ich an der Kathedrale, schlürften unsere Smothies und nach einigen Minuten setzte sich auch ein Mann zu uns. Sein Name ist Francisco und es entwickelte sich ein langes Gespräch zwischen ihm und mir. Francisco kam ohne Schuhe und mit einem kleinem Tisch, den Schuhputzer benutzen. Er studiert Naturheilkunde an der Uni in León, hat aber Sorge, dass er damit nichts anfangen können wird. Francisco wurde vor einigen Wochen von seinen Eltern auf die Straße geworfen und lebt bei seiner Schwester, die ihn anscheinend nur duldet, weil er ihr Bruder ist. Irgendwann im Laufe des Geprächs fragte mich Francisco, ob ich ihm nicht mit Schuhen helfen könnte. Für 10 Dollar könne er sich schon einigermaßen gute Schuhe kaufen, meinte er und fügte hinzu, dass er auch heute Nacht auch seinen dreißigjährigen Geburtstag hätte. Mit Claudio einigten wir uns, dass wir Francisco gerne Schuhe kaufen würden, machten ihm aber klar, dass er kein Geld von uns erhalten werde. So machten wir uns auf den Weg einen Schuhladen zu finden, der noch geöffnet hatte. Da es allerdings Sonntag war und schon nach acht Uhr, war jede Suche vergeblich und ich machte Francisco das Angebot, dass ich ihn am nächsten Morgen, vor unserer Vulkantour um sieben Uhr treffen könne und wir dann Schuhe kaufen könnten. Ich hatte wirklich in meinem Herzen den Wunsch Francisco zu helfen, denn er schien mir ein ordentlicher und aufrichtiger Mann. In meinem Herzen traf ich die Entscheidung, dass wenn Francisco morgen früh wirklich am Treffpunkt auftaucht, ich ihm Schuhe für 20 Dollar kaufen würde. Francisco kam tatsächlich, barfuß, wieder mit Schuhputzerbank und wir liefen los um Schuhe zu suchen. Leider waren immernoch alle Läden geschlossen und so fragte ich Francisco ob ich ihm vertrauen könnte, dass er sich wirklich Schuhe kaufen würde, wenn ich ihm jetzt das Geld dazu gäbe. So richtig konnte er mir nicht in die Augen sehen, doch er gab mir das Versprechen, er werde sich Schuhe kaufen. Ich gab ihm 20 Dollar, die fast einen Wochenlohn für ihn bedeuten, und auch mir ein Loch ins Portmonnaie rissen (25 Dollar sind mein Tagesbuget in Nicaragua). Auf dem Rückweg fragte ich mich: „Hab ich richtig gehandelt?“ Franciscos Reaktion und Dankbarkeit war eher zurückhaltend. Ich fragte mich, ob er sich nicht beim Umdrehen grinsend folgendes gesagt hätte: „Yes, wieder Einen abgezockt!“ Ein anderer Fall war, als Kinder zu mir kamen und mich baten ihnen Geld für etwas zu Essen zu geben oder etwas von meiner Portion abzugeben. Es ist klar, dass es Fälle gibt, in denen die Eltern die Kinder dazu auffordern betteln zu gehen. Diese Kinder haben keinen Mangel an Essen aber kann ich diese Kinder trotzdem abweisen? Wie sollte man sich als Christ in dieser Situation verhalten? Obwohl man weiß, dass man eventuell verarscht wird, kann es trotzdem ein Segen sein zu geben?

Ich glaube es ist es! Ich werde nie wissen, ob Francisco sich wirklich Schuhe gekauft hat, oder ob sich die Kinder wirklich Essen von dem Geld kauften aber ich kann für diese Menschen beten. In Situationen, an denen ich keine Kontrolle mehr habe, kann Gott einschließen und ihm die Kontrolle übergeben. Francisco hat mich den ganzen Tag lang beschäftigt. Ich wünsche mir von Herzen, dass er sich gute Schuhe von dem Geld gekauft hat.

Fast täglich ist man in Mittelamerika mit krasser Armut konfrontiert. Einige Menschen verdienen 1€ am Tag und kämpfen sich durch den Alltag. Umso wichtiger ist es sich als weißer Europäer sensibel und umsichtig zu verhalten. Ich habe aufgehört zu zählen wie oft mir schon Akkuauflader, Kopfhörer, Sonnenbrillen, Hängematten, Drogen, Zwiebeln, Tomaten, Früchte, etc. angeboten wurden und es ist jedesmal aufs Neue herausfordernd freundlich nein zu sagen (Früchte kaufe ich meistens). Es gibt dann auch meistens einen „Chele“-Preis („Chele“ werden Weiße genannt), der deutlich über dem eigentlichen Preis liegt, aber für mich trotzdem ein ziemliches Ersparnis gegenüber europäischen Preisen. Verhandeln tue ich fast immer, einfach weil einige Preise sonst ad absurdum führen könnten. Eine Taxifahrt kann so dann auch gerne mal die Hälfte vom vorgeschlagenen Preis kosten.

Am gleichen Abend, an dem ich Francisco kennenlernte, traf ich im Supermarkt an der Kasse nach drei Wochen Trennung Ferhat, meinen Reisebuddy aus Mexico, wieder. Was ein Zufall! Als wir ihm von unseren weiteren Reiseplänen erzählten schloss er sich uns an uns so fuhren wir zu dritt nach Jinotepe um Paula zu besuchen, die dort einen einjährigen Freiwilligendienst an einer Schule absolviert (vorher surften wir noch vom Cerro Negro Vulkan, eine wirklich einmalige Erfahrung!)

Wir genossen die Zeit bei Paula sehr! An zwei Tagen durften wir ihr beim unterrichten assistieren und brachten den Kindern allerlei englische Lieder bei. Die Schule ist wirklich ein Wunder! Gegründet und gebaut wurde sie im Jahr 2000 von einem Missionar aus Bayern. In einem Gespräch meinte er: „Das was ich in 20 Jahren Missionsdienst gelernt habe ist Glauben“. Diesen Glauben durfte der gute Mann auch direkt für meine tauben Ohren einsetzen, er betete dafür und siehe da am nächsten Tag waren beide Ohren frei! Gott ist gut!

Meinen Geburtstag verbrachten wir vormittags im der Schule und nachmittags an einer wunderschönen Lagune. Diese Lagune ist eigentlich ein 800m tiefer Vulkankrater! Am Freitag ging es dann aus die Insel Ometepe. Der Nicaraguasee ist so groß, dass die Menschen hier einfach Meer dazu sagen. Auf Ometepe leihten sich Paula und Claudio einen Roller aus und ich nahm eine schöne 200 Kubikmeter Off-Road Maschine. Paula hat einen Führerschein, ist aber noch nie zuvor Roller gefahren und Claudio hat keinen Führerschein. Wie konnte Claudio aber trotzdem fahren? Im Internet bestand er erfolgreich die Prüfung im Suchen nach „Führerschein“ und druckte sich den nächstbesten, ihm ähnelnen Schein aus. So durfte Claudio, alias Sergio, mit uns um die Insel cruisen. Wir sind sehr stolz darauf, dass Claudio endlich seinen Führerschein hat. Paula schaffte es nach 17 km dann den Boden samt Roller zu küssen und freute sich am Ende darüber ihre Kaution nicht mehr zurück bekommen zu haben (der Roller bekam einige Schrammen ab, Paula blieb Gott sei Dank schrammenfrei). Wir fuhren einmal um den Vulkan Concepción, der am Sonntag auch bestiegen wird, und kamen in den Genuss der wohl schlechtesten Straßen Nicaraguas, die Paula und Claudio etwas mehr herausfordern als mich auf der Off-Road Maschine, die mich keinen Stein spüren ließ. Ferhat verbrachte die Zeit im Hostel mit Wäsche waschen und anderen Haushaltspflichten. Die Prüfung zum Fakeführerschein wollte er nicht antreten.


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