Casi Pura Vida

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Vor zwei Jahren betrat ich zum ersten Mal Limón 2000, eine Ortschaft 15 km außerhalb der Provinzhauptstadt Puerto Limón in Costa Rica. Dort habe ich, gemeinsam mit Joana Karlguth, vier Wochen lang Englisch unterrichtet. Wir haben nicht nur unterrichtet sondern natürlich auch Beziehungen aufgebaut, zur Gastfamilie aber vor allem zu den Kindern und Jugendlichen, die dort in diesem ghettoartigem Ort leben. Costa Rica will nichts mehr als ein Ökoreiseland sein und nichts ist wichtiger für die Wirtschaft des Landes als der Tourismus. Dafür geht die Regierung im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen und bot in den achziger Jahren den vielen Armen in der Stadt Limón 15 km außerhalb der Stadt umsonst Bauland an. Die Regierung wollte Puerto Limón „säubern“, denn ab den achtziger Jahren legten nämlich vermehrt Kreuzschiffe an der karibischen Stadt an und die netten, wohlhabenden und gutriechenden Herrschaften der Ersten Welt sollten nichts als nur Schönes zu Augen bekommen, zum Beispiel den Tortuguero Nationalpark in der Nähe, der vollkommen von Nordamerikanern überlaufen ist. Die scheinen Costa „Gringa“ sowieso sehr zu mögen und investieren Millionen in Landfläche, roden den Regenwald darauf und errichten Ökoresorts mit ein paar wenigen, künstlich angelegten tropischen Bäumen. Viele Menschen, die Costa Rica besuchen, erhalten ein ausgezeichnetes Bild von dem Traumland Costa Rica und meistens ist das einzig negative die horrenden Preise. Costa Rica ist das mit Abstand teuerste Land Mittelamerikas. Es unterscheidet sich auch sehr deutlich von dem Rest: Es gibt keine Chickenbusse, dementsprechend auch keine Verkäufer in Bussen, die mir mein Pollo (Hähnchen) bei langen Fahrten verkaufen, das Trempen mit Pick-ups ist verboten (leider können uns Dank der Rucksäcke nur Pick-ups mitnehmen) und man ist einfach nie alleine. Überall sind Touris. Ich hatte das Gefühl, dass es den Einheimischen mittlerweile auf die Nerven geht. Jedenfalls ist man Nordamerikanern nicht sehr freundlich gestimmt.

Costa Rica, ein wirklich schönes Land, kocht von innen. In vielen Stadtteilen und Orten des Landes gibt es Banden, die den Drogenverkehr von Kolumbien in die Vereinigten Staaten kontrollieren. Am schlimmsten ist es an der Karibischen Küste. In Limón 2000, das von der Regierung geförderte Ghetto, gibt es zwei Haupbanden: die Ticos und die Kolumbianer. So lange die eine Bande der anderen die Kundschaft nicht wegnimmt ist alles gut. Wenns es aber mal so weit kommt, hilft nur flüchten. Im Moment ist die Situation in Limón 2000 verhältnismäßig ruhig. Das heißt nicht, dass die Banden inaktiv geworden sind. Viele meiner ehemaligen Schüler wurden von Banden rekrutiert. Damals waren sie 14 Jahre alt, voll mit Hoffnung auf eine bessere Welt und heute 16, mit der Schusswaffe in der Hose und wenn man noch keinen Menschen auf dem Gewissen hat ist das schon sehr besonders. So war das mit Pedro (Namen geändert), den ich nach 2 Jahren voller Freude auf den Straßen von Limón 2000 erkannte. Letztes Jahr wurde er von den Ticos rekrutiert und darf wegen seinem jungen Alter die Drecksarbeit erledigen. Dazu gehört auch Gegner zu finden und auszuspionieren, die dann eiskalt von andern Bandenkollegen ermordet werden. Pedro hat jetzt gerade ein großes Problem und muss deswegen in den nächsten Tagen vor Gericht erscheinen. Er wurde in der Schule mit seiner 45mm Pistole erwischt und der Schule verwiesen. Dank anderen Vorstrafen steht er vor ernsten Schwierigkeiten und somit ist er noch anfälliger sich aktiver in der Bande zu engagieren, die Überleben und Geld garantiert. Es scheint als gäbe es für ihn nur noch diesen einen Weg, denn mit einer Vorstrafe dieser Art nimmt ihn keine Schule mehr an, in der er einen Abschluss holen könnte und kein vernünftiger Arbeitgeber stellt jemanden ohne Schulabschluss ein (es wäre ein schon sehr niederer Job). Das ist die harte Realität für viele Jugendlichen in Costa Rica. Sie fühlen sich auch von der Regierung im Stich gelassen, der es viel um gute internationale Reputation geht und soziale Probleme im Land werden mit harten Maßnahmen beseitigt oder tuschiert. Gerade befinden sich zwei Freiwillige in verschiedenen Projekten in Limón 2000. Deutsche mag man, deswegen sei es für sie sicher, meinten die beiden. Ich hoffe und bete, dass sich die Jugendlichen in Limón 2000 von den Banden fernhalten und sich der Hoffnung nicht berauben lassen.

Fabian, ein anderer ehemaliger Schüler von mir, kommt aus einer sehr, sehr armen Familie in Limón 2000. Mit einem der Freiwilligen lernt er fleißig Deutsch, da es sein größter Wunsch ist in Deutschland zu studieren. Das Selbstverständnis, das wir in Deutschland haben (gute Schulbildung, Studium, Ausbildung, Chance auf gute Arbeitsstelle, etc.), trauen sich die meisten Jugendlichen auf der Welt nicht ein mal zu wünschen. Es ist ein Privileg!

Und dass die Schule nicht wie ein Gefängnis aussieht ist auch nicht normal. Überall in Mittelamerika sind Schulen mit Stacheldraht umzäunt und von Sicherheitsleute bewacht. Krasser als in Limón 2000 hab ich noch keine Schule gesehen. Die beiden deutschen Freiwilligen nennen sie Guantanamo-Schule.

Pura Vida heißt übersetzt pures Leben und in Costa Rica wird es als Dankeschön, Verabschiedung, Begrüßung und in vielen anderen Situationen benutzt. Der Titel des Beitrags heißt Casi Pura Vida (fast pures Leben), weil ich Costa Rica anders kennengelernt habe und einen Blick ins Innere erlangen durfte. ¡Eso no es todo tuanis!

Meine Gastfamilie empfing Claudio und mich voller Freude und sehr herzlich. Bei ihnen wohnt jetzt eine der Freiwilligen aus Limón 2000. Leider ist Rodolfo, mein Gastvater, wegen einer Augenkrankheit fast erblindet und musste seinen Job als Bananentransporteur aufgeben. Er war stolz auf mich als ich ihm erzählte, dass ich seit 2 Jahren Chiquita boykottiere und vielen meiner Freunde davon abrate Chiquitabananen zu kaufen, weil die hart arbeitenden Angestellten, zu denen Rodolfo damals gehörte, miserabel behandelt und bezahlt werden.

Unsere Reise verlief nach der Trauminsel Ometepe in Nicaragua wie folgt:

– Wir bestiegen den Vulkan Concepción. Es war ein extrem harter Aufstieg und ein noch schwierigerer Abstieg. Uns belohnte der atemberaubende Blick in den Krater und auf das Festland.

– Stadtbummel in San José, die Hauptstadt Costa Ricas. Teilweise krasse No-Go Zonen mit ständigen Schusswechsel. Sehr geteilte Stadt (reich-arm).

– Abstecher nach Puerto Viejo und den Cahuita Nationalpark an der Karibikküste Costa Ricas. Vorher trennten wir uns leider von Ferhat, der eine andere Reiseroute hatte. Wir erlebten Puerto Viejo als überfüllte, teure Partystadt in der mir abends jeder dritte Kokain anbot. Die Preise für Hostels waren für uns nach 5$-Hostels im Nicaragua unerschwinglich weshalb unsere Zelte nochmal sehr nützlich waren. Leider wurde die Küste letztes Jahr vom tropischem Sturm Neith ziemlich zerstört und man sah an der gesamten Küste, vor allem im Nationalpark Cahuita, die Sturmschäden an der Natur. Vor zwei Jahren sah das alles noch anders aus… Nach dem Fotoshooting mit Faultieren, Brüll- und Kapuzineraffen und gelben Schlangen, die es in dem Nationalpark zu entdecken gab, ging es weiter an die Grenze zu Panamá. Panamá ist bis jetzt ein absolutes Highlight und die Erlebnisse verdienen einen eigenen Blogbeitrag.

Wir befinden uns gerade in Panama City und in 2 Tagen verlässt mich Claudio, was mich sehr traurig stimmt. Wir hatten unvergessliche fünf Wochen zusammen in Mittelamerika.

Claudios Meinung zu:

Was war dein absolutes Highlight?

Es ist unmöglich eins zu nennen. In den letzten fünf Wochen habe ich so viele Erlebnisse gehabt und so viele bleibende Erinnerung mitgenommen und jedes Erlebnis war ein Highlight für sich selbst.

Welches Essen kostete dich Überwindung?

Auf jeden Fall das Nationalgericht in Granada, Nicaragua. Konnte es nicht zu Ende essen, was bei mir eigentlich nie vorkommt.

Wann kamst du an deine Grenzen?

Bei allen Vulkanaufstiegen kam ich an den Punkt, an dem ich mich selbst fragte warum ich mir das antue. Da es sich aber nicht mehr lohnte abzusteigen und der Wille das Ziel zu erreichen größer war, kämpfte ich mich durch und vergaß am Gipfel alle Anstrengungen.

Welcher Moment hat dich Schokiert?

Welcher Moment oder welche Momente? Die Müllberge auf den Straßen, verschmutzte Landschaften, Kinderarbeit (in Guatemala vor allem), Trennung von Arm und Reich und vieles mehr.

Zusammenfassend sagst du:

Es war bis jetzt definitiv meine actionreichste Reise. Ich habe unglaublich viel gesehen und erlebt, werde ziemlich viel davon nach Deutschland mitnehmen. Ich bin froh über die vielen Menschen die ich kennenlernen durfte, die unzähligen Gespräche mit ihnen und da wir Dank unseren Spanischkenntnissen nicht die typischen Touris waren, sondern sehr viel Kontakt zu Einheimischen hatten (meistens hatte ich keine Wahl, denn Willi fing mit jedem Zweiten ein Gespräch an). Zentralamerika ist ein sehr lohnenswertes Reiseziel, Spanischkenntnisse sind aber sehr von Vorteil.

Oft habe ich erlebt, dass Reisende ein Land nur der Sehenswürdigkeiten wegen besucht haben. Ich finde das sehr traurig, weil sie so das wichtigste verpasst haben, nämlich die Menschen, ihre Geschichte, ihre Meinungen, ihre Träume, ihre Probleme und ihre Hoffnungen, was in keinem Reiseführer steht.

Joana befindet sich zur Zeit auf den Philippinen und gründet ein Projekt, um Kindern, die auf Müllhalden leben, die Chance auf ein besseres Leben zu bieten. Hier findest du mehr Informationen dazu:

http://www.buhay.online/

https://www.instagram.com/buhay.projekt/


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